Be me: einmal in den Schuhen unserer Kinder unterwegs sein um reinfühlen zu können und zu verstehen, wie sie ihre Welt gerade erleben. Wenn wir heute genau auf Kinder und Jugendliche schauen, dann sehen wir: Vielen geht es nicht gut.
Fast jeder vierte junge Mensch in Deutschland gilt als psychisch auffällig. Das zeigt die aktuelle Copsy-Studie.
Etwa ein Viertel der Befragten berichtet von Angstsymptomen, jeder sechste bis siebte von Anzeichen einer Depression.
Besonders betroffen sind Mädchen ab 14 Jahren.
Natürlich erlebt jeder junge Mensch Stress anders.
Und vieles, was Jugendliche belastet, wirkt auf Erwachsene auf den ersten Blick vielleicht harmlos.
Doch Expertinnen und Experten warnen eindringlich davor, diese Sorgen kleinzureden.
Denn Ängste und Stress sind für die Betroffenen real – und sie haben Folgen.
Mentale Belastungen können sich schnell zuspitzen.
Die Leistungen in der Schule lassen nach, Fehlzeiten nehmen zu, manche verweigern irgendwann ganz den Schulbesuch.
Langfristig kann das geringere Bildungsabschlüsse bedeuten, ein niedrigeres Einkommen, Arbeitslosigkeit oder Sucht.
Vor allem aber verlieren junge Menschen die Fähigkeit, ihre Gefühle zu steuern – und ihr Leben als lebenswert zu empfinden.
Je länger innere Konflikte ungelöst bleiben, desto größer wird das Risiko, dass sich daraus schwere psychische Erkrankungen entwickeln.
Deshalb ist es entscheidend, frühzeitig hinzusehen und zu unterstützen –
statt Probleme vorschnell als „nur Pubertät“ abzutun.
Doch genau hier wird es schwierig.
Denn therapeutische Unterstützung ist oft erst in einem Jahr überhaupt möglich und Hilfe auf dem „kleinen Dienstweg“ wird häufig nicht mehr finanziert. Zum Beispiel läuft derzeit ein wichtiges Unterstützungsangebot aus: das Programm „Mental Health Coaches“.
An rund 100 Schulen konnten sich Kinder und Jugendliche dort an Fachkräfte wenden, wenn sie psychische Hilfe brauchten.
Zwar gibt es Schulpsychologinnen und -psychologen – doch es sind viel zu wenige.
Ein Vergleich macht das deutlich:
In Deutschland kam im vergangenen Jahr eine Schulpsychologin oder ein Schulpsychologe auf rund 5.200 Kinder.
In Finnland, wo es Jugendlichen psychisch besser geht, liegt das Verhältnis bei etwa 1 zu 800.
Hinzu kommt ein weiterer großer Belastungsfaktor: soziale Medien.
39 Prozent der Kinder und Jugendlichen geben in der Copsy-Studie an, dort häufig Inhalte zu sehen, die sie belasten.
Mehr als jeder fünfte junge Mensch fühlt sich gestresst, weil er oder sie im Netz ausgegrenzt oder abgewertet wird.
„Soziale Medien sind ein enormer Verstärker von Unsicherheit, Ängsten und Essstörungen“, sagt die Psychologin Silvia Schneider.
Eine Studie der DAK zeigt zudem: Mehr als jedes vierte Kind zwischen 10 und 17 Jahren nutzt soziale Medien in einer Weise, die als riskant oder krankhaft gilt.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert deshalb klare Regeln.
Soziale Netzwerke sollen für 13- bis 17-Jährige altersgerecht gestaltet werden –
ohne Push-Nachrichten, ohne endloses Scrollen.
Außerdem spricht sie sich für ein Smartphone-Verbot in Kitas und Schulen bis einschließlich der zehnten Klasse aus.
Social-Media-Accounts sollen grundsätzlich erst ab 13 erlaubt sein,
für 13- bis 15-Jährige nur mit Zustimmung der Eltern.
Dabei geht es nicht darum, die Zeit zurückzudrehen.
„Es geht um Vorsorge“, sagt Schneider.
Schon 30 Minuten weniger Zeit in sozialen Medien kann das Wohlbefinden spürbar verbessern.
„Wir haben Altersgrenzen für Tabak und Alkohol.
Jetzt gibt es eine neue toxische Substanz – und wir müssen handeln.“
Gleichzeitig ist klar: Das Handy allein ist nicht schuld.
Auch das Verhalten der Eltern spielt eine große Rolle.
Kinder, die vernachlässigt werden, haben ein erhöhtes Risiko – aber auch Kinder, die überbehütet und vor jedem Widerstand geschützt werden.
„Kinder müssen Problemlöser werden“, sagt Schneider.
„Wir müssen sie hinfallen lassen, damit sie lernen, selbst wieder aufzustehen.“
Ein gewisses Maß an Schwierigkeiten ist notwendig, um ein lebensfähiger Mensch zu werden.
Geborgenheit, Zeit mit der Familie und feste Rituale wirken dabei wie Schutzschilde.
Besonders verletzlich ist die Phase der Pubertät.
Das Gehirn wird in dieser Zeit grundlegend umgebaut.
Das emotionale Zentrum ist bereits stark ausgeprägt –
doch der Teil des Gehirns, der für Impulskontrolle und vernünftige Entscheidungen zuständig ist,
reift erst bis Mitte zwanzig vollständig aus.
Vereinfacht gesagt:
Das Gaspedal funktioniert schon sehr gut.
Die Bremse hingegen noch nicht.
Und genau das erklärt viele der typischen Stimmungsschwankungen
und emotionalen Ausbrüche in der Jugend.
Herzlichst,
Deine Susanne Seitz
Quelle: Ausgabe Spiegel 1/2026








